Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
ich stehe heute vor Ihnen als Bürger eines Landes, das aus den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte gelernt hat. 1945 und 1989 hat Deutschland die Konsequenzen aus Krieg und Unfreiheit gezogen. Und deshalb stehen wir an diesem besonderen Tag, dem Ukrainischen Unabhängigkeitstag, mit tiefem Verständnis und Solidarität an der Seite unserer ukrainischen Freunde.
Die Geschichte der Ukraine ist eine Geschichte des Freiheitswillens und des Widerstands.
Ihr Weg zur Unabhängigkeit war geprägt von vielen Herausforderungen in der Vergangenheit. Doch die Stärke und Entschlossenheit ihrer Bevölkerung haben sie durch alle Etappen der Geschichte getragen.
1991 haben sie in einem Referendum, einer wichtigen Etappe, ihre staatliche Unabhängigkeit von der Russischen Föderation und letztendlich von der Sowjetunion erklärt.
90 Prozent aller Ukrainer sehen sich seit 1991 als Teil der europäischen Gemeinschaft und des europäischen Staatenbündnisses.
1996 verabschiedete das Parlament für die Ukraine, als ehemalige Sowjetrepublik, eine neue Verfassung.
2004 zeigten die Ukrainerinnen und Ukrainer in der „Orangenen Revolution“, dass sie mit den kremltreuen Eliten im eigenen Land nichts mehr zu tun haben wollten.
2013 auf dem Euro-Majdan „der Revolution der Würde“ wurde endgültig klar, dass die ukrainische Bevölkerung ihre Zukunft in Europa sieht.
Davor hat Putin wirklich Angst, dass dieser Wille auch vom russischen Volk gewollt werden könnte.
Im Budapester Memorandum von 1994 hat die Ukraine die Beseitigung aller Atomwaffen auf ihrem Staatsgebiet garantiert.
Aus diesem Grund hat die Ukraine von Russland, von Großbritannien und den USA Sicherheitsgarantien zur territorialen Unabhängigkeit erhalten. Was war diese Garantie von Russland wert? Heute wissen wir: Nicht die Tinte, mit der sie unterschrieben wurde. Darum dürfen wir Putin und seinen Schergen nicht glauben.
Die ukrainische Geschichte ist eine Geschichte des Glaubens an sich und des Widerstandes gegen alle Angreifer. Sie ist eine selbstbestimmte, demokratische Nation. Ich denke,dass Ukrainerinnen und Ukrainer niemals nachgeben werden, wenn es darum geht, ihre Heimat zu verteidigen.
Wir alle sind Zeugen eines aggressiven Angriffskrieges auf ihr Land von einem Nachbarn, der das Völkerrecht missachtet.
Dieser russische Vollangriff am 24.Februar 2022 ist aber nicht nur ein Krieg gegen die Souveränität der Ukraine, sondern auch ein Angriff auf die Werte der Freiheit und des Friedens, die wir in Europa gemeinsam verteidigen müssen.
Heute feiern wir hier auf dem Karlsruher Marktplatz gemeinsam zum fünften Mal nach Kriegsbeginn diesen bemerkenswerten Tag, der die Unabhängigkeit und den Freiheitswillen der Ukraine verkörpert.
Der russische Angriffskrieg von Massenmörder Putin kann das ukrainische Volk nicht brechen. Er macht es nur einiger und stärker. Die ukrainischen Heldinnen und Helden kämpfen Tag für Tag für ein baldiges Ende des Krieges.
Wir alle wünschen uns, dass die Waffen bald schweigen und die Menschen in der Ukraine in Frieden leben können. Jede Träne, die vergossen wird, jede Trennung von geliebten Menschen erfüllt uns mit Trauer. Doch trotz aller Trostlosigkeit und oft auch Hoffnungslosigkeit, erheben wir heute hier in Karlsruhe unsere Stimmen, um den Glauben und den Willen an eine bessere Zukunft zu zeigen.
Ich möchte auch die bemerkenswerte Solidarität der Bürgerinnen und Bürger Karlsruhes erwähnen.
Hundertfach haben sie sich vor viereinhalb Jahren für ihre ukrainischen Mitbürgerinnen eingesetzt und tun dies auch weiterhin. Dieses Beispiel zeigt, dass Mitgefühl und Zusammenhalt keine Grenzen kennen und dass wahre Freundschaft über Nationalitäten hinweg wächst.
Danke Ihnen allen dafür!
Wir werden in Karlsruhe die Brücken des Verstehens zwischen unseren Völkern weiter stärken und gemeinsam an einer guten Zukunft arbeiten.
Möge dieser heutige Unabhängigkeitstag eine weitere Etappe sein, die uns alle dazu inspiriert, für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit einzustehen.




